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Fachkonferenz „Reisen für Alle“

Projekte des barrierefreien Reisens

Die Fachkonferenz „Reisen für Alle“ des „Deutschen Seminar für Tourismus Berlin“ bot so überraschende wie kreative Einsichten und Lösungen für Inklusion im Tourismus. Einige so simpel wie das kleine Einmaleins, einige digital und futuristisch. Geld verdienen lässt sich mit dem Reisen für Behinderte auch.

Es ist ein neuer Schrei aus dem technologie-verrückten Japan: Auf den Zeigefinger-Nagel eines blinden oder sehbehinderten Menschen wird ein Sensor angebracht, der wie ein Schmuck wirkt. Doch der Sensor fungiert als „Marker“: Wohin auch immer der Mensch mit seinem Finger zeigt , eine an der Brust angebrachte Miniaturkamera erkennt das Signal und ein smartes System, gestützt von „Künstlicher Intelligenz“, erzählt dem Blinden oder Sehbehinderten, was alles in der Umgebung zu sehen ist. Eine Momentaufnahme und Live-Reportage zugleich, die Blinden oder Menschen mit Sehbehinderungen eine neue Welt eröffnen würde. Auch und gerade auf Reisen.

Mit Berichten über derlei fantastisch-futuristische Entwicklungen, die für Menschen mit Handicap relevant sind, eröffnete der Trendforscher und Innovationscoach Oliver Puhe die Fachkonferenz „Reisen für Alle“ im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Eingeladen hatte das Deutsche Seminar für Tourismus Berlin (DSFT). Gefolgt waren knapp 200 Teilnehmer. Grußworte sprachen Thomas Bareiß und Jürgen Dusel, Beauftragte der Bundesregierung für Tourismus bzw. die Belange von Menschen mit Behinderungen.

Gütesiegel der Barrierefreiheit

In seinem vom BMWi finanzierten Projekt „Reisen für Alle“ hat das DSFT in den vergangenen Jahren ein Bewertungssystem und ein Gütesiegel der Barrierefreiheit entwickelt – zusammen mit Betroffenenverbänden, Tourismus und Landesmarketing-Organisationen. Mit dem ausgeklügelten Erhebungssystem lassen sich Tourismusanbieter auf Barrierefreiheit prüfen, und zwar in der gesamten Servicekette von Verkehrsbetrieben über Hotels und Museen bis zu Reiseveranstaltern. „Verlässlich und detailliert“, wie Rolf Schrader betonte. 2150 Betriebe, so der Geschäftsführer des DSFT, „wurden bisher zertifiziert oder befinden sich gerade im Zertifizierungsprozess.“

Aber „es müssen noch viel mehr werden“, forderte André Nowak vom Vorstand des Allgemeinen Behindertenverbands Deutschland. Denn bislang seien nur ein Prozent aller Betriebe und Einrichtungen der Tourismuswirtschaft auf Barrierefreiheit zertifiziert. Dabei ist die Zielgruppe riesig: In Deutschland leben 7,6 Millionen Menschen mit einer schweren und weitere drei Millionen mit einer leichten Behinderung. Tendenz steigend. Denn, so Schrader: „Bedingt durch den demografischen Wandel wird die Zahl der Menschen mit Handicap zunehmen.“ Reisen für Alle ist ein Zukunftsthema!

Wegweisende Lösungen für Inklusion im Tourismus

Und so hat das DSFT-Projekt landesweit andere Initiativen angestoßen oder ermutigt, die Reisen für Menschen mit Behinderungen erleichtern. Beispiele:

  • Beim Projekt „Jeder Bus – Inklusion erfahren“ des Landkreises Unna haben scheinbar simple Maßnahmen im Busbetrieb „großen Erfolg“, erklärte Projektleiterin Gaby Freudenreich. Für Sehbehinderte wurden die Buseingänge schwarz-gelb umrahmt. Für Rollstuhlfahrer wurde eine zweite Haltestellenanzeige mittig im Bus installiert. Und so weiter.
  • Der Landkreis Ostfriesland hat einen Tourismuspreis „Ostfriesland barrierefrei“ geschaffen, „um neue Ideen für die Barrierefreiheit zu fördern“, sagte Imke Wemken, Geschäftsführerin der „Ostfriesland Tourismus GmbH“. Aktueller Gewinner: „Waddensea.travel“ in Carolinensiel mit dem Projekt „Buchungsportal für Führungen – barrierefreie Landingpage für Führungen in Ostfriesland und Umgebung“.
  • Die „Berlinische Galerie“ in der Hauptstadt hat mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) große Werke seiner Dauerausstellung für diese Personengruppe erlebbar gemacht. „Ein einzigartiges Projekt“, wie Christine van Haaren vom Museum erklärte. Gemeinsam mit Reiner Delgado, am Projekt beteiligter Sozialreferent beim DBSV, stellte sie die Neuerungen vor. Es entstanden Tastbilder, die einen fast originalgetreuen Eindruck von Kunstwerken vermitteln. Apps und spezielle Audioguides liefern ergänzende Bildbeschreibungen und Infos. Taktile Leitstreifen auf dem Boden bieten zusammen mit einer App Orientierung ohne fremde Hilfe.
  • Die Deutsche Bahn hat die App „DB Barrierefrei“ für Menschen mit Behinderung entwickelt, mit Hilfe von betroffenen Testpersonen. Sie bietet Informationen, die für Behinderte auf Reisen unschätzbar sind, inklusive aktueller Daten über Verspätungen, Gleisänderungen, zur Funktionsfähigkeit von Aufzügen und Rolltreppen, darüber hinaus Anzeigen und Durchsagen in Bahnhöfen und Zügen und Information und vieles mehr. „Im Herbst soll die neue App an den Start gehen“, kündigte Ellen Engel-Kuhn von der Deutschen Bahn AG an.

Menschen mit Handicap auf Reisen, digital gesteuert

Auf die komplett digital gesteuerte Mobilität der Zukunft ging auch Trendforscher Puhe ein. Stichwort: intermodale Mobilität, die lückenlose Anreise zum Beispiel in den Urlaubsort von Zuhause bis zur Unterkunft mit verschiedenen Verkehrsmitteln. „Durch digital gesteuerte intermodale Mobilität können wir Menschen mit Handicap mehr Sicherheit auf der Reise geben“, sagt der Hamburger. Er verwies beispielsweise auf brandneue „Pooling-Systeme“ wie MOIA von Volkswagen, das in Hannover getestet wird. MOIA ist ein Shuttleservice, dessen Fahrzeuge per Smartphone-App zu virtuellen Haltepunkten gerufen werden können. Das System erkennt, wenn mehrere Fahrgäste eine ähnliche Start- und Zielpositionen haben, die in gleicher Richtung liegen. Dann können sich mehrere Fahrgäste ein Fahrzeug teilen.

Barrierefreiheit bringt Umsatz

Lückenlose Mobilität für reisende Menschen mit Handicap versprechen bislang nur bestimmte Reiseveranstalter. „Wir bieten einen Haustür-Transfer an“, erklärte Karl B. Bock, Geschäftsführer von „RUNA REISEN“ und betonte: „Barrierefreie Angebote lohnen sich auch wirtschaftlich.“ Ähnlich sah es Bocks Kollege Alexander Nolte von „YAT Reisen“ – ein Unternehmen, das betreue Gruppenreisen mit qualifizierten freiwilligen Begleitern organisiert. Beide haben sich spezialisiert in einem Tourismus-Segment, das vielen anderen Anbietern nicht vielversprechend erscheint. Doch Inklusion im Tourismus muss kein Zuschussgeschäft sein, meint auch Rolf Schrader: „Die meisten Betriebe würden von Barrierefreiheit profitieren.“

Weitere Informationen / Pressekontakt:
Rolf Schrader
DSFT Berlin
030/2355190
rolf.schrader@dsft-berlin.de