Dr. Rüdiger Leidner Blind über den Inka-Pfad – Diskriminierung inklusive Rüdiger Leidner, geboren 1950, leitet die Koordinationsstelle Tourismus des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes und wurde im Mai 2010 zum Vorsitzenden der Nationalen Koordinationsstelle Tourismus für Alle gewählt. Zwischen 2002 und 2007 war er im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie in Berlin und der Europäischen Kommission in Brüssel für Fragen der deutschen bzw. europäischen Tourismuspolitik zuständig. Die Vertragsstaaten treffen geeignete Maßnahmen, um sicherzustellen, dass Menschen mit Behinderungen Zugang zu Sport-, Erholungs- und Tourismusstätten haben. Die ersten Ideen Vor einigen Jahren sah ich die Präsentation von Peru im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der Internationalen Tourismusbörse in Berlin. Ich war so beeindruckt, dass meine Frau und ich beschlossen, eine Rundreise durch Peru zu buchen. Nachdem wir Anfang des Jahres (2010) die Programme mehrerer Reiseveranstalter geprüft hatten, wählten wir eine dreiwöchige Rundreise, die eine viertägige Trekkingtour auf dem Inka-Pfad beinhaltete. Da der Reiseveranstalter in seiner Reisebeschreibung erklärte, die Trekking-Tour könne von Personen aller Altersgruppen mit „durchschnittlicher Fitness“ gemacht werden, war ich mir sicher, dass meine physische Konstitution ausreichend sei. Denn ich habe sowohl Erfahrungen mit Trips in dieser Höhe (Ich war schon in Tibet.), als auch mit Bergwandern. Da ich die Reise zusammen mit meiner Frau unternahm, gab es auch keinen Grund, den Veranstalter um spezielle Vorkehrungen oder Unterstützungsleistungen, aufgrund meiner Behinderung, zu bitten. Als ich die AGB des Veranstalters las, fand ich dann sogar einen Grund, in dieser Hinsicht vorsichtig zu sein. Denn in seinen AGBs behielt sich der Veranstalter das Recht vor, eine Person von der Reise auszuschließen, wenn er Hinweise erhält, dass diese Person zur Teilnahme nicht in der Lage sein oder den Reiseverlauf stören könne. Auch wenn ich mir Fälle vorstellen konnte, die eine derartige Regelung notwendig machen, ist diese Formulierung zu weit und lässt viel Raum für Diskriminierung. Da wir hinsichtlich des Reisezeitpunktes an die Sommerferien in Deutschland gebunden waren, wollte ich nicht das Risiko endloser Diskussionen vor der Reise eingehen. Der Reiseverlauf vor dem Inka-Pfad In Lima angekommen trafen wir unsere erste Reiseleiterin, die uns während der ersten Woche begleitete – von Lima nach Arequipa und Puno. Weder die Reiseleiterin noch die 12 Mitreisenden ließen irgendwelche Vorbehalte, aufgrund der Teilnahme eines Reisenden mit Behinderung erkennen. Mit unserer zweiten Reiseleiterin unternahmen wir die erste Bergwanderung (vier Stunden) auf einen Berg am Titicacasee (etwa 4000 Meter). Eines der Gruppenmitglieder, das offensichtlich Probleme hatte, Wanderungen in dieser Höhe zu unternehmen, konnte uns nicht die ganze Strecke begleiten. Aber trotz dieser Schwierigkeiten, die später eine ärztliche Behandlung notwendig machten, hinderte sie der Veranstalter nicht, an der Trekking-Tour teilzunehmen. Nach Rückkehr in unsere Lodge, fragte ich abends die Reiseleiterin, ob der Inka-Pfad schwieriger sei als diese erste Tour. Ihre Antwort war sehr klar: “Nicht schwieriger, nur länger!” Sie versicherte zudem, dass es keinen Geschwindigkeitsstress geben würde, da jeder seine Geschwindigkeit selbst bestimmen könne und immer ein zweiter Bergführer der Gruppe folgen würde. Einige Tage darauf unternahmen wir mit dem Führer, der uns auch auf dem Inka-Pfad begleiten würde, eine Besichtigungstour von Inka-Festungen in der Nähe von Cusco. Ich stellte ihm dieselbe Frage, und seine Antwort war ähnlich: “Ich habe gesehen, wie Du die Stufen an diesen alten Plätzen genommen hast. Du wirst das schaffen!” Trekking auf dem Inka-Pfad Der historische Inka-Pfad zwischen Cusco und Machu Picchu ist ein 42 km langer Weg, angelegt in der Zeit der Inkas, der erst 1915, fast 500 Jahre nach der spanischen Eroberung, wieder freigelegt wurde. Er beginnt auf einer Höhe von etwa 2500 Metern, führt über zwei Pässe (4200 und 3800 Metern) und endet in Machu Picchu bei 2600 Metern. Da die Trekking-Tour sich über vier Tage erstreckte, bewegten sich die täglich zurückzulegenden Strecken zwischen 11 Kilometern am ersten Tag; 9 und 16 Kilometern an den beiden Folgetagen und 6 Kilometern für den Weg vom letzten Camp bis zum Sonnentor von Machu Picchu. Die Antworten der beiden Reiseführer hatten aus meiner Sicht alle Fragen hinsichtlich meiner Teilnahme geklärt. Ich erwachte am Tag unseres Aufbruchs, an dem uns der Bus um 5:30 Uhr zum Beginn des Inka-Pfades bringen sollte, recht optimistisch. Dort sollten wir die Träger und unseren Koch treffen. Nach dem Frühstück jedoch, ich war gerade ins Zimmer zurückgekehrt, um mich fertig zu machen, erschien die Reiseleiterin in Begleitung des Chefs des örtlichen Büros des Reiseveranstalters. Letzterer, der mich erst am Abend zuvor im Hotel kennen gelernt hatte, teilte mir mit, dass er meiner Teilnahme an der Trekking-Tour nicht zustimmen könne, da dies zu riskant für mich sei. Als ich erklärte, dass der Reiseveranstalter keine Verantwortung für einzelne Teilnehmer übernehme und ich mein Risiko ebenfalls selbst trüge, behauptete er, unser Bergführer habe ihn gestern Abend angerufen und gebeten, mich auszuschließen. Das war eine Lüge, denn gerade gestern hatte ich unseren Bergführer um seine Meinung gebeten und er hatte meine Teilnahme befürwortet. Mit dieser Tatsache konfrontiert, behauptete der Leiter des Cuscoer Büros, dass ich an den drei Kontrollstellen auf dem Inka-Pfad niemals durchgelassen würde. Da er bereits zuvor gelogen hatte, vermutete ich, dass auch diese Behauptung nicht der Wahrheit entsprach. Die Reiseleiterin und der Bergführer, die meine Fähigkeiten für diese Trekking-Tour beurteilen konnten, befürworteten meine Teilnahme, konnten sich aber offensichtlich nicht durchsetzen. Da die Zeit davon lief und die anderen Gruppenmitglieder ohne jegliche Erklärung warteten, erklärte ich schließlich, dass dies ein klarer Fall von Diskriminierung sei und sowohl gegen deutsches Recht als auch die UNBehindertenrechtskonvention (ratifiziert von Peru im Jahr 2008) verstieß und ich daher die deutsche Botschaft in Lima unterrichten würde. Es war offensichtlich die Angst vor Regierungsstellen, die die Meinungsänderung herbeiführte und schließlich meine Teilnahme ermöglichte. Meine Vermutung, dass die Drohung mit der Zurückweisung an den Kontrollstellen eine Lüge war, bewahrheitete sich. An dem ersten Kontrollpunkt mussten wir lediglich unsere Pässe zeigen, um festzustellen, ob wir uns auch auf der Liste der 500 Personen befanden, die den Inka-Pfad täglich begehen dürfen. Die beiden anderen Kontrollen hatten lediglich den Zweck zu überprüfen, ob die Organisatoren die Umweltauflagen des gerade verlassenen Campingplatzes erfüllt hatten. Natürlich muss zugestanden werden, dass der Inka-Pfad kein Sonntagnachmittags- Spaziergang ist. 500 Jahre Erosionen haben ihre Spuren hinterlassen und die Stufen variieren in Form und Höhe enorm. Aber das wusste ich vorher. Und warum sollte jemand, der mich und meine Fähigkeiten nicht kennt, mich an den Erfahrungen dieser Tour hindern? Nach der Trekking-Tour Obwohl meine Frau und ich es geschafft hatten, Machu Picchu zu erreichen (während eine Teilnehmerin bereits am ersten Tag aufgeben musste und erst in Machu Picchu wieder zu uns stieß), kam der Vertreter des Reiseveranstalters für ganz Peru aus Arequipa nach Cusco, um zu wiederholen, dass er eine derartige Verantwortung nicht übernehmen könne, da die peruanische Regierung ihm die Lizenz für die Durchführung von Trekking -Touren auf dem Inka-Pfad entziehen könne, wenn es zu einem Schadensfall käme. Ich entgegnete, dass mein Ausschluss von der Tour ein eindeutiger Fall von Diskriminierung gewesen wäre, da der Veranstalter nicht die physischen Voraussetzungen jedes Teilnehmers überprüft, nicht einmal, wenn zuvor nach ärztlicher Behandlung gefragt wird. Seine abschließende Bemerkung machte seine tatsächliche Einstellung offensichtlich: Als ich erneut erklärte, dass nur ich beurteilen könne, welche Risiken ich übernehmen wolle und dass ich den Veranstalter nicht um spezielle Unterstützung gebeten habe, erklärte er, dass dem Veranstalter möglicherweise von den anderen Teilnehmern vorgehalten werden könne, dass sie durch die Teilnahme eines Reisenden mit einer Behinderung daran gehindert worden seien zu entspannen und ihren Urlaub zu genießen und sich nicht mit den „Problemen dieser Welt“ befassen wollten. Er fügte hinzu, dass die “optimale Lösung” für mich in einer “individuellen Tour”, ohne andere Mitreisende bestanden hätte. Ich überlasse die Beurteilung dieser Sätze dem Leser. Ich habe den Vertreter des Reiseveranstalters lediglich noch gefragt, ob ich diese Sätze in meinem Bericht verwenden könne. Er erklärte sich einverstanden. Schlussfolgerungen Meine Reise durch Peru war mit wundervollen Erfahrungen verbunden. Die Trekking- Tour auf dem Inka-Pfad war ein unverzichtbares Element. Die mehrtägige Wanderung in Höhen zwischen 2500 und 4200 Metern, durch unterschiedliche Klimazonen, Vegetation und Kultur (nicht nur die Kultur der Inka-Zeit, sondern auch Menschen, die in einfachsten Hütten leben) führten zu zahlreichen und einzigartigen Eindrücken. Zudem machte die Auseinandersetzung mit den Vertretern des Reiseveranstalters deutlich, dass noch sehr viel zu tun ist, um Artikel 30 der UNBehindertenrechtskonvention „Die Vertragsstaaten treffen geeignete Maßnahmen, um sicherzustellen, dass Menschen mit Behinderungen Zugang zu Sport-, Erholungs- und Tourismusstätten haben „ umzusetzen - selbst in Staaten, die sie bereits ratifiziert haben. Hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Reiseveranstalter möchte ich unterstreichen, dass ich die Haltung der Reiseführer sehr schätze. Sie hatten die nötige Zivilcourage, sich eine eigene Meinung hinsichtlich meiner Teilnahme zu bilden und zogen die richtigen Schlussfolgerungen im Sinne von Artikel 30 der UN-Konvention. Ich hoffe, dass sie hiervon keine Nachteile haben.